Gedanken zur Zeit

Kirchenglocke

Liebe Gemeinde,
zur Zeit scheint ganz vieles still zu stehen. Auch das kirchliche Leben läuft auf Sparflamme weiter. Es finden einzig Beerdigungen im engen Familienkreis statt.

Kürzlich erhielt ich eine Email mit dem Text: „Komisches Gefühl, dass auch die Gottesdienste ausfallen müssen.“ Dass wir zur Zeit keine Gottesdienste feiern dürfen, irritiert und macht wohl auch nachdenklich. Der Ort der Begegnung, des Gebetes, des Krafttankens fällt zur Zeit weg. Ich lade uns jedoch ein, nicht auf das zu schauen, was zur Zeit nicht möglich ist und fehlt, sondern auf das, was möglich ist und immer noch da ist. Erinnern Sie sich an die Speisung der 5000? Jesus erbat Speise vom Volk und vermehrte die fünf Brote und zwei Fische. Zum Schluss reichte es für alle. Es ist eine Kunst nicht auf den Mangel zu blicken, sondern hinter dem Wenigen die grossen Möglichkeiten Gottes zu sehen und bereits dafür zu danken.

Ein grosser Reichtum den unsere Kultur kennt, ist, dass zu den unterschiedlichen Tageszeiten Glocken erklingen. Glocken wie wir sie kennen, kommen im Neuen Testament zwar nicht vor, aber bereits im Alten Testament wurde an Feiertagen, zum Morgengottesdienst und in schwierigen Situationen das Schofar geblasen, so dass die Menschen alarmiert und informiert waren - es war ein Weckruf. Die verschiedenen Töne und Klänge bedeuteten z.B. "Der König kommt" oder "Gott erbarme Dich". Der Hohepriester trug am Saum seines Gewandes 12 Glöckchen, womit die zwölf Stämme (Gottes Volk) beim Dienst in Gottes Nähe und Gegenwart stellvertretend (symbolisch) hörbar waren.
Es waren die iro-schottischen Mönche, wie z.B. Columban und Gallus, die von ihrer Inselwelt die Glocken auf das europäische Festland bzw. im 6. Jahrhundert in die heutige Schweiz brachten. Mit ihrem Kommen verband sich die Ankündiung des Evangeliums - die gute Nachricht in dieser Welt.
Zuerst waren es Glöckchen (Schellen), die man nebst dem Wanderstab mit sich herum trug, später wurden sie in Dachreitern oder Glockengiebeln platziert. Erst im 10./11. Jahrhundert kam es zu Glockenstühlen und Kirchtürmen.
Heute ist es zum Kulturerbe und zur Tradition geworden, es gibt verschiedene Formen des Läutens. Bekannt ist das Angelusläuten oder Betzeitläuten, das oft mit dem Unser Vater verbunden ist.
Das Läuten zu bestimmten Tageszeiten gibt es sowohl bei Katholiken als auch bei Protestanten, das Gebetsläuten in den Klöstern erklingt dreimal täglich (morgens, mittags, abends). Dieser Klang birgt die Einladung und Anrufung Gottes - zum Beistand in Not und Danksagung.
Die Glocken läuten zu Beginn und am Ende des Gottesdienstes, viele von ihnen tragen besondere Inschriften oder Widmungen. Nicht nur die ihres möglichen Spenders, sondern sie beziehen sich auf eine Situation, eine Person, den Glauben an Gott oder Gott selber - in einem Spruch oder Bibelzitat verewigt. Sie rufen nicht nur eine bestimmte Tageszeit oder ein Ereignis in Erinnerung, sondern laden ein Innezuhalten, zum Himmel zu blicken - sie haben mit ihrem Klang über Dörfer, Städte, Landschaft und Menschen hinweg einen gemeinschaftsstiftenden Sinn und Funktion.

Das 11-Uhr-Geläut ist speziell. Viele Menschen haben sich daran gewöhnt, dass es kaum auffällt.
Das 11-Uhr-Läuten heisst auch Mittagsläuten, es geht auf den Papst Calixt III. im Jahre 1455 zurück, wie manche sagen. Es wurde Ave-Maria- oder Angelusläuten genannt. Die Reformation schaffte dieses Gebet ab, so verlor das Läuten vorderhand seinen direkten Sinn.
Es wurde jedoch beibehalten, weil es ohne die Uhren den Tag so besser strukturierte. Das Mittagsgeläut, so sagen es andere, ertöne seit 1457 «pro pace», d.h. aus Dankbarkeit für die Abwendung vor der Türkengefahr.
Mit dem 11-Uhr-Glockengeläut besteht schon ein Zeichen, wir können es als Fenster- oder Zeitpunkt der Fürbitte neu und praktisch so einsetzen. Wir können damit unsere Verbundenheit mit andern Menschen zum Ausdruck bringen, ein kurzes oder längeres Gebet sprechen, eine besondere Kerze anzünden oder einen Moment still werden - vielleicht sogar ein Lied singen. Israel erinnerte sich immer wieder daran, wie Gott ihnen half. Gut kann man auch einen Psalm nachlesen.

Die Evangelische-Reformierte Kirche Schweiz lädt dazu ein jeden Donnerstagabend (oder jeden Abend ) um 20 Uhr vor dem offenen Fenster eine Kerze anzuzünden. Die Aktion startet heute und endet am Gründonnerstag. Es soll dabei den Erkrankten, dem Gesundheitspersonal, den Einsamen und Isolierten gedacht werden. Mit der Aktion „Kerzen vor dem Fenster“ setzen wir ein sichtbares Zeichen, dass wir Vertrauen haben und unsere Sorgen dem Erhalter des Universums anvertrauen.


Auch wenn wir momentan Verzicht erleben, Neues erlernen und des Schutzes bedürfen, so können wir trotz physischem Abstand zueinander in Gedanken und Gebet täglich miteinander - durch unsern Hohepriester und Herrn Jesus Christus - verbunden sein. Die Glocken sollen uns wieder daran erinnern.
Bhüet Si Gott!
Pfrn. Sarah Glättli